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interview fjo fdVom 9. bis 11. Juli steigt in Sassenberg das Schützenfest des mitgliederstärksten Bürgerschützenvereins im Münsterland. „Die Glocke“ sprach mit dem Präsidenten Franz-Josef Ostlinning und dem Pressesprecher Frank Deitert über das erste Fest nach drei Jahren, die Inflation und Schießwettbewerbe während des Krieges in der Ukraine.

Besucher sollen das gewohnte Programm bekommen

„Die Glocke“: Herr Ostlinning, Herr Deitert, ein Blick in die Nachbarschaft zeigt: Die Schützenfeste sind nach drei Jahren Pause gut besucht. Sind Sie erleichtert?

Deitert: Wir wussten alle nicht, wohin die Reise geht. Aber die Resonanz bei allen Schützenfesten, in Füchtorf und Gröblingen beispielsweise auch, war groß. Man merkt: Die Menschen wollen feiern.

Ostlinning: Viele Feste finden auf dem Niveau von 2019 statt. Das gibt uns allen Grund, optimistisch in unser Fest zu gehen.

„Die Glocke“: Die Planungen laufen auf Hochtouren, das Fest steht kurz bevor. Haben Sie nach drei Jahren Pause etwas am Ablauf, auch während der Vorbereitung, verändert?

Ostlinning: Nein. Das Schützenfest erfinden wir nicht jedes Jahr neu. Bei 20 Leuten im Vorstand greifen die Rädchen ineinander. Das klappt hervorragend. Auch wenn wir merken, dass die Vorbereitungen intensiver sind nach so einer langen Pause. Wir erwarten aber auch ein intensiveres Schützenfest.

„Die Glocke“: Schützenvereine aus den Nachbarorten haben mit ihren Planungen auf die steigenden Kosten reagiert und beispielsweise kleinere Zelte als sonst gebucht oder auf einen DJ statt eine Band gesetzt. Gab es solche Überlegungen auch bei Ihnen?

Deitert: Wir haben uns dazu entschieden, wie jedes Jahr zu feiern: Mit einem gleichgroßen Zelt (1500 Quadratmeter, Anm. d. Red.), mit dem Kutschenkorso, der gleichen Anzahl an Musikzügen und Tanzbands mit DJ in den Pausen. Es ist wichtig, darin zu investieren. Denn damit steht und fällt ein Fest. Gerade am Samstagabend, wenn auch viele Auswärtige kommen, können wir nicht auf ein kleineres Zelt setzen.

Ostlinning: Stellen Sie sich mal vor, es regnet und wir bekommen die Leute nicht im Festzelt unter. Wir können nicht einsparen und dann erwarten, dass die Menschen trotzdem zahlreich kommen. Deswegen setzen wir auf das Altbewährte in der Hoffnung, dass sich die Menschen bei uns treffen und Spaß haben. Und dass das Wetter im Idealfall mitspielt.

Der Groll auf die Festwirte ist unberechtigt

„Die Glocke“: In den vergangenen Wochen haben Schützenvereine öffentlich Festwirte und Zeltverleiher kritisiert, die die Preise erhöht haben. Teilen Sie die Kritik?

Ostlinning: Die Preissteigerungen sind enorm. Das finden wir alle nicht schön. Auch unser Schützenfest wird teurer. Aber wir müssen es nehmen, wie es ist. Ich vergleiche es gern mit der Gastronomie: Auch dort sind beispielsweise die Bierpreise gestiegen. Es ist doch klar, dass das dann auch uns betrifft und bei unserem Fest die Bierpreise angepasst werden. Der Vergleich zur Gastronomie ist der einzige Maßstab, den ich nehme.

Deitert: Man muss es auch mal aus der Sicht der Festwirte sehen. Die müssen auch kaufmännisch denken und investieren – unter anderem in Mitarbeiter. Und: Wenn ich das Münchner Oktoberfest nehme, als das größte Volksfest überhaupt, dann fällt auf, dass die Preise dort deutlich höher steigen werden als bei uns.

Sportschießen nicht mit kriegerischem Handeln gleichsetzen

„Die Glocke“: Nicht nur die Inflation beschäftigt uns, sondern auch nach wie vor der Krieg in der Ukraine. Warum ist es Ihrer Meinung nach trotzdem legitim, gerade jetzt Feste zu feiern?

Ostlinning: Wir haben leider keinen Einfluss auf die handelnden Personen. Wir werden an die Kriegsopfer und die Menschen in der Ukraine denken. Gerade bei der Gefallenenehrung wird das intensiver passieren als sonst. Aber kein Schützenfest zu feiern, wäre falsch. Unser gesellschaftliches Leben stand zwei Jahre still. Das dürfen wir nicht vergessen.

Deitert: Ich denke, dass es gar nicht verkehrt ist, mal abzuschalten, fröhlich zu sein und sich zu treffen. Und vielleicht ist es nach so langer Zeit der Pandemie und in der jetzigen Situation, in der die weltpolitische Lage gerade zum Verzweifeln ist, auch wichtig, das normale Leben zu feiern – ohne zu vergessen, was zwei Flugstunden von uns passiert.

„Die Glocke“: Der Schützenverein Beckum-Ost verzichtet wegen des Krieges auf seine Schießwettbewerbe. Wurde ein solcher Schritt in Ihren Reihen auch diskutiert?

Deitert: Nein, bei uns ist Schießen eine Sportart, die ja sogar olympisch ist. Diese Art des Schießens mit dem anderen gleichzusetzen, wäre falsch, denn sonst verharmlost man kriegerisches Handeln. Und: Wir feiern kein Schießfest. Der Begriff Schützenverein kommt von Beschützen. Außerdem steht die Geselligkeit im Vordergrund.

Ostlinning: Wir suchen einen neuen Schützenkönig, den wir durch einen sportlichen Wettbewerb ermitteln. Und den Sieger wollen wir dann feiern.

„Schützenfest ist eins der schönsten Dinge im Leben“

„Die Glocke“: Die Planungen gehen in die finale Phase. Steigt die Vorfreude?

Ostlinning: Ja, das wird jetzt immer intensiver. Unsere Generalversammlung am 2. Juli dient noch einmal zur Einstimmung. Wir sind auch noch in Everswinkel auf dem Schützenfest zu Gast. Und dann beginnen die 80, 90 Nachbargemeinschaften ihre Straßen zu schmücken, ehe das Fest ansteht. Es ist eins der schönsten Dinge im Leben. Ein bestimmtes Highlight gibt es vom 9. bis 11. Juli nicht. Das ganze Schützenfest ist ein Highlight. Ich würde nie über dieses Wochenende in den Urlaub fahren.

„Die Glocke“: Herr Deitert, Sie feiern in diesem Jahr sogar Jubiläum. Vor 25 Jahren sind Sie König geworden.

Deitert: Und ich kann mich noch immer gut daran erinnern. Ich weiß gar nicht, wo die Zeit geblieben ist. Damals ist ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen. Ich denke gern zurück an diese Zeit, und die Begeisterung für das Schützenfest ist geblieben.

Sassenberger Zapfveteranen erinnern sich

Die Zapfveteranen Franz Wesselmann und Erwin Witulski erinnern sich an viele gemeinsame Einsätze hinter der Theke. Ein Knochenjob auf Schützenfesten, der ihnen aber trotzdem – nicht nur in Sassenberg - Spaß gemacht hat. zapfveteranen

„Ein echter Schütze kennt keinen Schmerz“ könnte eine abgewandelte Redewendung lauten. Der hält viel aus, vom Marschieren bei Gluthitze, dem manchmal zähen Ringen um die Königswürde an der Vogelstange, bis hin zu den langen Tanz- und Festabenden. Alles ganz schön anstrengend so drei Tage in Folge. Nicht weniger schweißtreibend ist das für das Servicepersonal – damals und heute.

Zwei Zapfveteranen erinnern sich im Gespräch mit unserer Zeitung an viele gemeinsame Jahre hinter der Theke und am Weinbrunnen. Im Hauptberuf war Franz Wesselmann Tischler, Erwin Witulski erst Weber danach Schlosser. „Alles immer im Akkord“, erinnert er sich. Eine gute Übung für das, was die beiden jahrzehntelang auf dem Sassenberger und anderen Schützenfesten geleistet haben. „Von morgens um 9 bis zum nächsten Tag standen wir parat“, verweisen sie auf ihre damalige Kondition. Denn die brauchte man bei dem Knochenjob. Oft gab es lange Wege und Kühlwagen wie heute gab es nicht - da mussten auch schon mal Eisblöcke geschleppt werden.

Pausen waren knapp auf den Festen. Witulski nutzte eine ganz besondere 1971 und schoss dem Vogel die Krone weg. „Aus dem Bierstand raus, ran an den Schießstand und wieder zurück“, lacht er und freut sich noch heute über den Coup.


Weinbrunnen gibt es nicht mehr

An die Lederschürzen, die man damals trug, erinnern sich beide. Auch an jene Kunden, die nicht nur ungeduldig quengelten, sondern es durchaus auch übertrieben. „Das Glas ist gar nicht voll“, habe ihm einer vorgeworfen sagt Witulski. „Bei Freibier“, schüttelt er noch heute den Kopf. Seine spontane Reaktion: „Gib her dein Glas“, und als er es hatte, angefügt „Nun kriegst Du gar nix!“

Das Bier stand als Getränk so wie heute immer im Mittelpunkt der Schützenfeste. Longdrinks, heute ebenso total „in“ wie die „Shots“ gab es früher nicht. Das begann erst in den 1990ern. Den roten Aufgesetzten, der bis heute überlebt hat, gab es allerdings schon lange. Wein gab es früher auch und gibt es auch heute noch.

„Früher gab’s zur Krönung Steinhäger“, weiß Wesselmann. Bis 1981, danach ein Jahr lang Sekt, jetzt eben Wein. Der Weinbrunnen ist allerdings nur noch ein Stück Erinnerung. Ebenso wie die mittags beliebte „Zunge in Madeirasoße“, die von den Frauen serviert wurde.

Franz Wesselmann ist 76, Erwin Witulski 86 Jahre alt. Im Schützenverein sind beide viele Jahre. „Seit 1965“, fällt Franz Wesselmann ein, der bereits zuvor, im Jahr 1961, sogar Kinderkönig mit Bärbel Maas gewesen ist. Das Zapfen und der Dienst an Theke und Weinbrunnen hat beiden trotz aller Anstrengung Spaß gemacht. Seit einigen Jahren sind die beiden auf den Sassenberger Schützenfesten allerdings nur noch in weißen Hosen anzutreffen und feiern mit. Auf das Fest vom 9. bis 11. Juli stießen sie jüngst in Arenhövels Garten schon mal mit einem Gläschen Wein an.